ATELIER PERCEVAL – LE THIERS

Eine Geschichte von Ruhm & Ehre und von sagenumwobenen Bruderschaften

Am Beginn unserer Geschichte steht ein GerĂŒcht. Ein GerĂŒcht, das sich langsam aber sicher durch die sozialen Netzwerke verbreitete, teils hinter vorgehaltener Hand geflĂŒstert, als dĂŒrfe man die Worte nicht laut aussprechen, als stĂŒnde hinter der nĂ€chsten (virtuellen) Ecke jemand, der einen fĂŒr das Verraten eines Geheimnisses vor den Scharfrichter bringen könnte: „Pssst! Perceval bringt ein neues Modell auf den Markt! Es wird ein Le Thiers!“ Ab diesem Moment steigerte sich bei einigen von uns die Vorfreude in beinahe greifbare Spannung. Doch von Anfang an


„Anfang“ ist in diesem Falle sogar wörtlich zu nehmen, schlagen wir doch einen weiten Bogen in die Mitte des 12. Jahrhunderts nach Frankreich. Hier, genau genommen in der Stadt Troyes im Nordosten Frankreichs an der Seine gelegen, lebte und schrieb der Autor ChrĂ©tien de Troyes seine Romane, genauer gesagt Versepen, die sich zu einem nicht unerheblichen Teil mit dem keltisch-britannischen Sagenkreis um König Artus, den heiligen Gral und den Rittern der Tafelrunde beschĂ€ftigten. Seine Werke waren in Europa so einflussreich, dass sie sogar ins Deutsche ĂŒbertragen wurden. Gegen Ende seines Schaffens (und Lebens) begann ChrĂ©tien eine letzte große ErzĂ€hlung, die jedoch nie von ihm vollendet werden sollte: „Li Contes del Graal ou Le roman de Perceval“ („Die Geschichte vom Gral oder der Roman von Parzival“). Auf einen Satz herunter gebrochen behandelt diese „aventiure“ die Entwicklung des eher tölpelhaften und unwissenden, jedoch mit allen ritterlichen Eigenschaften ausgestatteten Helden Perceval (Parzival) hin zum Erlöser und Gralskönig. Somit ist Perceval einer der bedeutendsten von Artus‘ Rittern der Tafelrunde, eines der vielleicht großartigsten „Jungs-Clubs“ aller Zeiten! Wer von uns wĂ€re nicht gerne ein Teil davon gewesen???

Interessierten an Geschichte und literarischer Kultur sei die Übertragung des Parzival ins Deutsche Wolframs von Eschenbach ans Herz gelegt.
Hier haben wir ihn also gefunden, den Ursprung des Namens (und vielleicht auch eines Teils der Philosophie) der Schmiede Perceval, deren „Le Thiers“ im FrĂŒhsommer 2016 und anlĂ€sslich ihres 20-jĂ€hrigen Bestehens fĂŒr solches Aufsehen sorgt. Es ist ein großer Name, ein bedeutungsvoller Name, der bei uns Assoziationen weckt von Ritterlichkeit, von Abenteuern, von der hohen Minne und einem ehrenvollen Leben fĂŒr einen höheren Zweck. Ein Name, der in unserer Zeit beinahe etwas entrĂŒckt wirkt, jedoch nur, wenn man sich voll und ganz auf ihn einlĂ€sst, ihn hinterfragt.
Zu diesem Zeitpunkt, lieber Leser, haben wir jedoch erst den halben Weg zum tiefen Grund der Namensgebung von Schmiede und Messer zurĂŒck gelegt. Bleibt die Frage, wie das Messer den Namen der Stadt bekam. Auch diese Geschichte reicht zurĂŒck bis ins Mittelalter, war doch Thiers schon vor vielen hundert Jahren berĂŒhmt fĂŒr seine Schmiedekunst. Die Messermacher Gilde in Thiers existiert seit dem 16. Jahrhundert. Allein was fehlte war das EINE Messer, das diese reiche und alte Tradition, die Stadt und alles, was man mit ihr verbindet, reprĂ€sentieren konnte. Denn was Laguiole kann,

Zum Zwecke der Festlegung einiger Kriterien, die ein solches Messer erfĂŒllen mĂŒsse, grĂŒndeten etwa 150 professionelle und Freizeit-Messermacher im Jahre 1994 die „ConfrĂ©rie du couteau Le Thiers“, die Bruderschaft des Le Thiers Messers. Schon im folgenden Jahr wurde das erste Messer vorgestellt und ein weiteres Jahr spĂ€ter wurde die Schmiede Perceval gegrĂŒndet. Hier ist es dann auch schon wieder, das sagenumwobene Element, eine Bruderschaft, ja, vielleicht sogar eine Art Geheimbund, deren Regeln zu befolgen sind, will man sein Produkt unter einem bestimmten Namen anbieten
 Dinge, die unsere Phantasie anregen, die uns an die Tafelrunde, die Tempelritter, Freimaurer oder Illuminaten denken lassen. Bedeutende Dinge. Aufregende Dinge.
Was dann am Ende heraus gekommen ist, muss unter den oben genannten Vorzeichen ein Wenig anmuten wie pure Alchemie. Als sei es ein Produkt, das der Zauberer Merlin in seinem Turmzimmer in Camelot erdacht und unter Aufwendung all seiner KrÀfte hat entstehen lassen. Ein Messer, dem etwas Magisches inne wohnt. Und irgendwie ist es auch so

Sicher, fĂŒr den Außenstehenden wie auch den reinen Kopfmenschen ist es lediglich „ein weiteres Taschenmesser“. Ganz hĂŒbsch anzusehen, sicher. Auch die Materialien sind fein, klar. Die Verarbeitung ist auch top, keine Frage. Aber sonst? „Wie, aber sonst?! Reicht das nicht schon aus?“, wollen wir ausrufen. Zurecht!
Das Atelier Perceval steht in dem Ruf, eine ganz besondere QualitĂ€t zu liefern. Gerade bei der Griffbeschalung wĂ€hlen sie stets ausgesucht schöne und teils besonders edle QualitĂ€t. Man möchte sagen, eines Königs wĂŒrdig, zumindest aber eines edlen Ritters.
Die aktuelle Linie der „Le Thiers“ Messer bildet da keine Ausnahme. Zur Wahl stehen unter anderem Bruyere Holz, das besonders den Pfeifen-Freunden und -Rauchern ein Begriff sein wird, Makassar Ebenholz, die Klassiker des französischen Messerbaus wie Grenadill und Amourette, aber auch wieder das traumhaft schöne und mit einem unvergleichlichen Feuer ausgestattete Holz aus der Knorre des WĂŒsteneisenholzes aus Arizona. Das von Perceval verwendete Holz ist seit mindestens 3000 Jahren tot und teilweise versteinert. Die Dichte und Ausdruckskraft dieses Holzes ist beinahe ohne Vergleich in der Welt.
Erstmals bietet Perceval mit dem neuen Messer auch weißes Ebenholz an. Im amerikanischen Raum wird dieses oft als „black and white ebony“ bezeichnet, was der Optik der Maserung noch eher entspricht: diese ist von starkem Kontrast und man findet kaum zwei Messer, die sich deutlich Ă€hneln. Hier ist jedes einzelne Modell von einem ganz eigenen Charakter, was dieses Holz ganz besonders interessant macht.
Doch das „Le Thiers“ von Perceval weiß nicht nur optisch durch besonders hĂŒbsche Griffschalenpaare zu ĂŒberzeugen, oder aber durch die ĂŒber 9 Zentimeter lange und schlanke Klinge ohne Nagelhau, oder durch die sanften Formen des Griffes, die das Perceval optisch von seinen BrĂŒdern gleichen Namens abheben, nein, es sind noch weitere kleine Details, die ein ganz eigenstĂ€ndiges und in sich vollkommenes Gesamtbild ergeben.

Direkt ins Auge springt der weniger gebogene Griff im Vergleich zum Beispiel mit einem Chambriard, dem vielleicht prototypischsten Vertreter der Gattung „Le Thiers“. Auch ist der Griff minimal lĂ€nger und hinten weniger kantig abgeschlossen. Die 2,5 Millimeter starke 14C28N Klinge des Perceval verzichtet auf den komplett geraden KlingenrĂŒcken und wartet stattdessen mit einer sanfte Droppoint-Form auf. Dies kommt unerwartet, ist aber wunderschön ausgefĂŒhrt und sehr passend. Der Anschliff  geht durch bis zum Griff. Hier wird jeder Millimeter ausgereizt. Statt eines Slipjoint verfĂŒgt das Modell – Perceval-typisch – ĂŒber einen Linerlock, der sehr sauber arbeitet.
Das Ressort, in diesem Fall ist es ja keine RĂŒckenfeder, verfĂŒgt (wie viele Messer aus Frankreich) ĂŒber eine Guillochage, eine ins Material gefeilte Verzierung, welche nicht klassische Ranken oder geschwungene Formen zeigt, sondern, sehr modern, breitere und schmalere diagonale Kerben. Sehr gelungen, wie ich finde!

Ein weiteres kleines Detail, das fĂŒr einige Interessierte die Welt bedeuten könnte, ist die AusfĂŒhrung der Klingenwurzel im geschlossenen Zustand. Wie bei allen schlanken klassischen Messern steht sie natĂŒrlich ĂŒber die Griffschalen ĂŒber, aber Perceval hat es geschafft, dass der Griffabschluss und die Klingenwurzel eine Linie bilden und somit keine störende Kante ĂŒber steht.

Die Handlage eines Messers ist der vielleicht am wenigsten objektive Teil einer Beurteilung. Aus Erfahrung kann ich jedoch sagen, dass dieser Griff vermutlich zu jeder Hand passen wird, die ihn ergreift. Dadurch, dass die Griffschalen nach hinten hin etwas breiter werden, liegt das „Le Thiers“ wunderbar sicher und fĂŒr ein solch schlankes Taschenmesser auch „satt“ in der Hand. Zur Performance eines Perceval brauche ich an dieser Stelle vermutlich keine Worte mehr zu verlieren
 Nur so viel: die Schneideigenschaften der flach und dĂŒnn ausgeschliffenen Klinge sind die reinste Freude! Das war/ist auch bei den anderen Modellen wie „Le Francais“ oder „L-08“ so.
Nun, wie könnte in diesem Fall mein Fazit ausfallen? Ich bleibe bildlich bei den Mythen und Legenden und sage nur so viel: geht hin und zieht das Schwert aus dem Stein! Ergreift die Chance! Das Perceval „Le Thiers“ ist materialisierte Geschichte, hergestellt in einem Ort, der selbst ein Teil derselben ist. Mit diesem Messer wird jede Mahlzeit fĂŒr einen Moment zum ritterlichen Bankett, wird sein TrĂ€ger wieder ein Teil jener Welt, die frĂŒher fĂŒr uns beinahe greifbar war und die wir im Laufe der Zeit einfach nur vergessen haben.
Seid willkommen zurĂŒck, Sire!

Text: Andreas Thiel, Review auf yt: Atelier Perceval Le Thiers

Anmerkung: der Autor und freie Schriftsteller Andreas Thiel ist Messerliebhaber und -sammler und veröffentlicht regelmĂ€ĂŸig auf seinem You Tube Channel „Andi1878“ interessante Reviews